Bütis Aschermittwoch: Kurfürst Bodochen I., der Candy-Crusher

Dies ist eine besondere Bütis Woche, ganz Aschermittwoch-geprägt. Der folgende Text war mein Beitrag zum Politischen Aschermittwoch der Thüringer Grünen. Wohl bekomm’s.

Liebe Aschermittwochsgemeinde!

Als Robert Habeck vor etwa zwei Jahren dazu aufrief, Thüringen zu einem „freien, demokratischen Land“ zu machen, hatte er sicherlich nicht ein freidemokratisches Land gemeint. Den Kemmerich kann man ihm nun wirklich nicht in die Schuhe schieben. Trotzdem lag er bekanntlich ein bisschen daneben, denn Thüringen war mit zwei Roten und einer Grünen Regierungspartei und einer dreifarbigen Opposition – Schwarz, Gelb, Braun – voll im aktuellen demokratischen Normalpegel. Eigentlich hatte der Robert ja nur sagen wollen, dass sich in Thüringen ganz gründlich etwas ändern müsse. Und da hat er recht gehabt und hat heute noch recht. Nur: In welche Richtung sollte die Änderung gehen? Mal ganz offen gefragt: Ist „Mehr Demokratie wagen!“ wirklich alternativlos? Sollten wir nicht vielleicht auch darüber nachdenken, ob „Mehr Monarchie wagen!“ infrage käme?

Ihr seid verwundert, liebes Publikum? Nun, ich finde, so ganz weit hergeholt wäre das nicht. Was ist die Demokratie für ein mühseliges Geschäft! Und wie riskant es doch ist, wenn unsichere Kantonisten damit spielen! Was wäre wohl hier in Thüringen letztes Jahr passiert, wenn die Kanzlerin nicht vom Ausland aus auf den Reset-Knopf gedrückt hätte? Wäre da nicht ein Monarch wenigstens ein bisschen verlockend, der so progressiv ist, wie es überhaupt nur geht, fast alles besser weiß und sich in seiner Leutseligkeit noch nicht einmal von Winfried Kretschmann übertrumpfen lässt? Schaut doch mal genauer auf unseren Ministerpräsidenten Bodo Ramelow, den Landesvater aller Thüringerinnen und Thüringer und auch aller Bürohunde in Thüringen. Würde er sich nicht prächtig machen als Bodo I. oder vielleicht auch, weil er die Verkleinerungsform so sehr liebt, als Bodochen I.?

Nun ja, Bodochen kommt nicht aus Thüringen. Aber die heilige Elisabeth, die berühmteste Thüringerin vor Bodochen I., kam sogar von weit her, aus Ungarn. Von dort würden wir heute natürlich keinen mehr nehmen, es sei denn, er heißt Attila und geht auf vier Beinen. Das ist ja doch ein wichtiger Fingerzeig, dass Bodochen ein Hofhündchen hat, das nach einem König heißt. Bodochen wäre zum Monarchen qualifiziert, ich glaube, das könnt Ihr nicht bestreiten. Vor vielen Jahren, als er noch stellvertretender Fraktionsvorsitzender der PDS-Fraktion im Landtag war, attestierte man ihm die Neigung zu einer Ein-Mann-Opposition. Als er später auf Bundesebene die Verschmelzung von Linkspartei.PDS und WASG verhandelte, bescheinigten ihm seine Neider autoritäre Züge. Und wenn man sich heute genau anschaut, wie er regiert, wie sehr er eine Drei-Parteien-Koalitionsregierung auf seine eigene Person zuschneidet, wie gerne er Koalitionspartner spüren lässt, dass er mindestens eine Liga über ihnen spielt, wenn nicht zwei, da wäre es doch eigentlich ein konsequenter Schritt, der Realität eine Schelle umzuhängen und zu sagen: Wir probieren es mal. Wir machen ihn zum Monarchen.

Natürlich müssen wir uns genau überlegen, welche Funktion wir ihm beilegen. Thüringen wurde schließlich schon von Königen regiert und von Markherzögen, Landgrafen, Herzögen, Großherzögen, Markgrafen, Fürsten und Kurfürsten. Ich wäre dafür, wir ernennen ihn zum Kurfürsten. Das hätte nämlich den zusätzlichen Vorteil, dass Thüringen damit die Schmach tilgen könnte aus dem Jahr 1547, als die entschieden evangelischen Ernestiner die Kurwürde an die kaiserhörigen Albertiner verloren. Bodo ist ja so was von evangelisch! Das passt zu Thüringen, wo es von Erfurt über Schmalkalden, Weida, Jena, Stotternheim bis Weimar fast nur Lutherorte gibt. Und es ist auch sicherlich kein Hindernis, dass unter den vielen früheren Thüringer Herrschern von Bisinus bis Thakulf und von Adolf bis Wilhelm noch kein Bodo zu verzeichnen war. Immerhin gab es im neunten Jahrhundert schon einmal einen Markgrafen Poppo. Das ist ja nahe dran und ein bisschen Innovation kann auch nicht schaden. Und natürlich braucht er einen Beinamen, wie das bei den Wettinern üblich war. Also das wär’s: Kurfürst Bodo I., der Candy-Crusher.

Natürlich gibt es auch ein Problem bei der Verwirklichung unserer Überlegung. Kein anständiger Fürst ist jemals ohne einen Hofnarren ausgekommen. Wollen wir also Nägel mit Köpfen machen, dann brauchen wir auch für Bodochen einen Hofnarren. Doch das, liebes Publikum, ist eine ernsthafte Hürde. Gibt es denn in Thüringen genug geeignete Narren? Lasst uns mal unsere Optionen wägen.

Da wäre erstens der GröGeschAZ, der größte Geschichtslehrer aller Zeiten; manche nennen ihn auch den GröGeFAZ, den größten Geschichtsfälscher aller Zeiten. Doch von dem will Bodo gar nichts wissen. Und hat recht. Denn des GröGeschAZ penetrante Hetze gegen „fortschreitende Afrikanisierung, Orientalisierung und Islamisierung“ in unserem Land ist nun wirklich nicht lustig. GröGeschAZ abgelehnt. Wahrscheinlich hätte der sich auch gar nicht darauf eingelassen, denn er hat einfach vor sich selbst viel zu viel Ehrfurcht. So hatte er zweifellos sich im Sinn, als er einmal sagte: „Die Sehnsucht der Deutschen nach einer geschichtlichen Figur, welche einst die Wunden im Volk wieder heilt, die Zerrissenheit überwindet und die Dinge in Ordnung bringt, ist tief in unserer Seele verankert.“ Dieser Typ ist so eingebildet, der hätte wahrscheinlich die Bedingung gestellt, dass ihm zuvor auf dem Kyffhäuser ein Denkmal gebaut wird, das noch höher ist als das Kaiser-Wilhelm-Denkmal mit seinen 81 Metern. GröGeschAZ no way.

Dann könnte man natürlich an die Susanne Hennig-Wellsow denken. Wieso nicht im eigenen Laden nach einer Hofnärrin suchen? Für sie spräche, dass sie Bodo gut kennt. Sie stammt aus einer VoPo-Familie, versteht also auch diesen Teil der ostdeutschen Seele. Sie war 15 Jahre Eisschnelllaufleistungssportlerin, hält also etwas aus. Sie ist Pädagogin. Man könnte ihr daher hinreichende Strenge gegenüber schwer erziehbaren Fürsten zutrauen, aber eben das fürchtet der Bodo natürlich. Deswegen hat er sie gleich mal nach Berlin weggelobt. Vielleicht hat er sich, voller Furcht, heimlich schon mal gefragt: Und was tu’ ich, wenn die irgendwann mir Blumen vor die Füße werfen sollte? Also auch nix.

Dann wäre da der Kamm-Erich, der Anti-Friseur. Der ist ja immer auf der Suche nach Posten. Und hatte schon so manche, für die er völlig ungeeignet war. Doch auch das würde nix. Ein Hofnarr muss in der Lage sein, Haare zu spalten. Und wie kann man Haarspalter sein, wenn man keine hat? Außerdem muss er wenigstens ab und zu die Wahrheit sagen, und das fällt diesem Kandidaten einfach zu schwer. Doch vor allem: Ein Narr darf sich zwar auch mal auf den Thron setzen, aber er darf nie glauben, dass er da hingehört. Der Kamm-Erich passt nicht.

Also dann: Mike Mohring vielleicht? Ihr merkt, liebes Publikum, die Suche wird schwer. Jetzt sind wir schon so weit, dass wir überlegen müssen, ob wir einen als deutschen Hanswurst nehmen wollen, der Ami-mäßig Mike heißt. Mischa wäre ja noch okay, aber Mike? Dabei spräche für ihn, dass Spiegel Online ihm attestierte, er sei ein toller „Trickser“. Doch lasst uns bitte seriös bleiben. Es ist Aufgabe eines Hofnarren, Späße zu machen, um ernste Ratschläge zu geben. Wenn aber einer immer wieder ganz ernsthaft Sachen von sich gibt, die bestenfalls zum Kichern sind, dann ist er kein qualifizierter Narr.

Von der SPD irgendwer? Manche sagen: Bei denen gibt es noch nicht mal mehr Narren. Früher wäre vielleicht der Matthias Machnig infrage gekommen, aber von den Jetzigen hat sich mir keiner aufgedrängt.

Und wie ist es eigentlich mit uns selbst? Gibt es gar keine Grüne Person, die als Hofnarr geeignet wäre? Gut, wir sind eine kleine Partei, aber doch eine mit vielen Talenten. Ich habe lange nachgedacht, um dann doch beim Offensichtlichen zu landen: Was wäre mit Katrin Göring-Eckardt? Die ist ja mindestens so evangelisch wie Bodo! Man könnte fast sagen: Sie ist die Elisabeth von Thüringen auf Protestantisch. Passt super! Bodo I. hätte sie sicher mit Kusshand genommen. Doch sie hat rundweg abgelehnt. Ihre Begründung: Lieber in Berlin die Erste als in Erfurt die Zweite. Tatsächlich: Ihr Talent ist einfach zu bedeutend für die Hofnärrinnenrolle. Vielleicht braucht sie demnächst ja selbst einen Hofnarren. Damit hat sich auch das zerschlagen.

Ey Leute, ich geb’s auf. Man hätte natürlich auch noch im Europäischen Parlament geeignete Narren suchen können. Die gibt es dort in Hülle und Fülle. Aber in Thüringen interessiert sich ja wirklich keine Sau für Europa. Und die allerbeste Brüsseler Närrin, Ursula die Scheinheilige, die ist ja schon in dieser Rolle an gleich zwei europäischen Höfen engagiert, dem von Macron und dem von Merkel.

Aus die Maus. Kein Hofnarr, dann aber auch kein Kurfürst. Schade, Bodochen. Wir machen schließlich keine halben Sachen. Ganz oder gar nicht.

Es wird uns wohl nichts anderes übrig bleiben, als am 26. September doch noch mal die Demokratie zu stärken. Auch da sollten wir keine halben Sachen machen. Es wäre ja vielleicht schön gewesen für manche mit Kurfürst Bodo I., aber wenn’s nicht sein soll, dann müssen wir die im Lande zweifellos erforderliche Erneuerung eben auf dem Boden und aus der Mitte der Demokratie zustande bringen. Für uns Grüne ist das sowieso besser, denn selbst seitdem wir von der Alternative zum System zur Alternative im System geworden sind, gibt es, glaube ich, keine Partei, die so vom demokratischen Widerspruchsgeist lebt wie unsere. Also: fröhlich voran!

Und was kommt nun als nächstes? Ich möchte Euch, weil ja jetzt die Fastenzeit ansteht, davor warnen, es allzu sehr mit dem Spruch von Martin Luther zu halten, der einmal sagte: „Ich fresse wie ein Böhme und saufe wie ein Deutscher, das sei Gott gedankt. Amen.“ Mir selbst habe ich lieber ein anderes Luther-Zitat hinter die Ohren geschrieben, das da heißt: „Tritt frisch auf, mach’s Maul auf, hör’ bald auf.“ Laut und frech war ich. Also hör’ ich jetzt auf und sag’ zum Schluss auch nicht Amen, sondern Prost!


 

Sonst noch
  • Traditionell berichte ich in meinen Plenarnotizen über die Plenarsitzungen der vergangenen Woche.
  • Meine Plenarrede zur Reise des Hohen Vertreters Josep Borrell nach Russland ist hier zu finden.
  • Der Bericht zum Aktionsplan der Europäischen Kommission zur Kreislaufwirtschaft wurde vom Europäischen Parlament mit großer Mehrheit angenommen. Hier könnt Ihr meine Pressemitteilung dazu nachlesen.
  • In einem offenen Brief fordere ich mit Kolleg*innen verschiedener EP-Fraktionen Kommissionspräsidentin von der Leyen auf, mit dem Ausstieg aus fossilen Brennstoffen zu beginnen, insbesondere durch eine Überarbeitung der Offshore-Sicherheitsrichtlinie
  • „Ohne Berlins Unterstützung fällt Nord Stream 2 zusammen“ – mein Interview in der Welt.
  • „Bach ist weit entrückt“ – mein Interview mit der taz über die Olympischen Winterspiele 2022 in Beijing.
  • Am 10.2. habe ich bei einer Online-Diskussion des Centre for European Policy Analysis zum Thema „Not Just a Commercial Deal: Transatlantic Perspectives on Nord Stream 2’s Final Chapter“ gesprochen. Hier könnt Ihr Euch die Aufzeichnung der Veranstaltung anschauen.