Warum Europa ein verbessertes Standardisierungssystem braucht

In diesen Tagen hört man manchmal, dass Brüssel das europäische Standardisierungssystem kaputtmachen will. Ist das tatsächlich so? Wie könnte jemand überhaupt daran denken, mit einem System zu brechen, das seinen Erfolg durch das erfolgreiche Entwickeln von „simplen“ Standards wie dem A4-Papierformat, dem Lampensockel für Glühbirnen oder den Standards für moderne Technologie bewiesen hat? Wer würde bezweifeln, dass die Normung ein wichtiger Pfeiler unserer Wirtschaft geworden ist?

Dem Deutschen Institut für Normung (DIN) zufolge tragen Standards mehr als Patente oder Lizenzen zu unserem Wirtschaftswachstum bei; in Deutschland generieren sie bis zu 16 Milliarden € pro Jahr. Unser Standardisierungssystem fördert zudem nicht nur die europäische Integration, indem es Marktbarrieren beseitigt und den Binnenmarkt stärkt, sondern baut auch Handelshemmnisse auf internationaler Ebene ab. Das hilft exportorientierten Sektoren, neue Märkte zu erschließen. Aus diesen Gründen spielt die Normung insbesondere für Deutschland und seine Stellung als eine der führenden globalen Ökonomien eine besonders wichtige Rolle.

Weshalb würde also die Europäische Kommission an diesem System etwas verändern wollen? Tatsächlich ist es so, dass das Normungssystem an neue Umstände angepasst werden muss.

Erstens ist unser System in Europa nicht mehr der alleinige Platzhirsch im Revier der Standardisierung. Neue Mitbewerber betreten die globale Bühne und gefährden die Führerschaft Europas auf diesem Gebiet. Dazu zählen Entwicklungsländer aber auch bestehende Standardisierungsorganisationen in den USA, wo Normung aktiv finanziell unterstützt wird und als Antrieb für heimische Industrien dient. Standards werden auch zunehmend von internationalen Konsortien entwickelt, die vor allem von großen US-amerikanischen, multinationalen Konzernen dominiert werden. In einer Diskussion mit Dr. Torsten Bahke, Direktor des Deutschen Instituts für Normung (DIN), habe ich erfahren, dass solche Foren Standards, die oft mit unseren eigenen konkurrieren, mit hoher Geschwindigkeit entwickeln.

Zweitens entwickeln unsere Mitwerber zunehmend High-Tech-Standards für neue Technologien. Bei strombetriebenen Autos und Batterien zum Beispiel hat Japan einen klaren Vorsprung gegenüber Europa. Hier besteht für Europa großer Aufholbedarf. Die Einnahme einer Vorreiterrolle in der Entwicklung von Standards für solche neuen Technologien bringen besondere Vorteile (first-mover advantages) mit sich. Hier aufzuholen, ist besonders wichtig, nachdem wir bis heute das Potenzial von Normung im Marekting neuer Produkte aus europäischer Forschung und Entwicklung nicht genügend ausschöpfen.

Drittens müssen wir uns bemühen, unser Normungssystem kontinuierlich zu verbessern, indem wir dafür sorgen, dass es auch breitere Interessen der Gesellschaft mit einbezieht. Das ist im Wesentlichen der Fall für kleine und mittlere Unternehmen (KMU). Für KMU können nicht nur die Kosten ein Hindernis für die Anmeldung von Standards sein, sondern auch die Normung selbst. Denn sie ist nach wie vor eine komplexe, hoch technische Angelegenheit, die viel Zeit und Ressourcen benötigt. All dies erschwert die Beteiligung von KMU und gesellschaftlichen Interessensvertretern wie Konsumentenverbände am Standardisierungsprozess.

Aus dieser Perspektive geht die Kommission an Standardisierung heran. Nicht, um das System zu Grunde zu richten, sondern indem sie bestrebt ist, die europäische Führerschaft im Lichte der neuen Herausforderungen des 21. Jahrhunderts zu sichern. Als Berichterstatter für Standardisierung im Industrieausschuss des Europäischen Parlaments bin ich davon überzeugt, dass Veränderungen notwendig sind, um die starke Stellung Europas in der Normung beizubehalten.
Es ist offensichtlich, dass das europäische Standardisierungssystem optimiert werden muss, um unsere Wirtschaft und Gesellschaft noch besser zu unterstützen, als es bisher bereits getan hat. Um sich den neuen Gegebenheiten anzupassen, muss unser Normungssystem lernen, mit Standards internationaler Konsortien umzugehen – besonders auf dem Feld der Informations- und Kommunikationstechnologien. Zudem müssen wir unser Normungssystem international besser vermarkten. Wir müssen dafür sorgen, dass die Ergebnisse von nationalen und europaweiten Forschungs- und Entwicklungsprogrammen direkt von der Standardisierung aufgegriffen werden, um die Zeit, die sie für den Markteintritt benötigen, zu verkürzen.

Am wichtigsten ist es aber, ein inklusives und transparentes Normungssystem zu schaffen, das KMU und gesellschaftliche Interessensverbände besser mit einschließt. Standards werden sich besser verkaufen, wenn sie im Interesse aller sind. Ein konkretes Beispiel lieferte mir hier Elena Santiago, Generaldirektorin vom europäischen Komitee für elektrotechnische Normung CEN-CENELEC. Sie verwies auf den Wettbewerb zwischen Mikrowellenstandards in der EU und den Vereinigten Staaten, wo unser Standard die Interessen von Konsumentenorganisationen berücksichtigt hatte, indem bei der Benutzerfreundlichkeit von EU-Mikrowellen auch auf ältere Personen geachtet wurde. Als Folge entwickelte der EU-Standard ein größeres Marktpotenzial als der US-amerikanische. Zudem sollten wir die Nutzung von webbasierten Plattformen und Telefonkonferenzen ausbauen, um Interessensvertretern eine effizientere Teilnahme und das Sparen von Reisekosten zu ermöglichen. Um die Ausbreitung von Standards zu vereinfachen und die Kosten für KMU zu senken, ist der Industrieausschuss des Europäischen Parlaments auch meinen Vorschlägen gefolgt, benutzerfreundliche Standardisierungspakete für KMU zu niedrigeren Kosten anzubieten und kostenlose Zusammenfassungen im Internet bereitzustellen.

Wir werden unser System optimieren müssen, um unsere Normen international relevant zu halten. Ansonsten werden andere die Standards für uns setzen.
Hier das komplette Interview mit dem Zentralverband des deutschen Handwerks. (Leider nicht mehr verfügbar)



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