Deutschlands Industriestrompreise: günstiger als die Industrie meint | BÜTIS WOCHE

Energie geht alle an: jeder und jede braucht und verbraucht sie – und viele Menschen haben eine Meinung darüber, wie die deutsche Energiepolitik der Zukunft aussehen sollte. Im Gespräch mit Industrieunternehmen hört man regelmäßig die Klage, dass die Strompreise für die Industrie zu hoch seien; dies sei ein Wettbewerbsnachteil gegenüber ausländischen Konkurrenten; oft wird hinzugefügt, dafür sei letztlich die Energiewende verantwortlich.
Grüne reagieren darauf oft defensiv, doch dazu gibt es wenig Grund, wie jetzt eine Studie des Energieexperten Felix Matthes vom Ökoinstitut zeigt.

Kritiker des deutschen Energiesystems vergleichen die hiesigen Energiekosten nicht nur mit anderen europäischen Ländern, sondern sehr gerne auch mit den USA. Vor allem auf letzteren Vergleich stützt sich dann das Lamento von Industrievertretern, dass unter den gegebenen Umständen eine Produktion nicht auf Dauer in Deutschland gehalten werden können.

Es ist Zeit, mit ein paar Mythen und Missverständnissen aufzuräumen!

Felix Matthes hat für uns genauer hingeschaut. Er hat auch über die Grenzen geblickt, in andere europäische Länder und in die USA. Und er hat festgestellt: das Gras im Garten des Nachbarn ist nicht grüner, auch wenn es vielleicht auf den ersten Blick so scheint.

Es ist nicht ganz einfach, die realen Kosten für industrielle Strompreise in Deutschland zu ermitteln. Denn sehr viele verschiedene Faktoren fließen hier zusammen. Wer im Einzelnen verfolgen will, wie Felix Matthes in seiner Analyse vorging, der kann sich die Studie hier selbst ansehen.

Matthes kommt zu einem klaren Ergebnis: Deutschland steht im europäischen Vergleich mit seinen Strompreisen schon einmal nicht schlecht da. Im Jahr 2016 lag in Deutschland der Preis in der Verbrauchsspanne von 70-150 GWh (Gigawattstunden = eine Million Kilowattstunden) bei 8.77 Eurocent pro Kilowattstunde, wenn die Mehrwertsteuer und andere erstattungsfähige Steuern und Abgaben abgezogen werden. Damit liegen die Strompreise in Deutschland niedriger als in Großbritannien, Italien, der Slowakei oder Lettland; die Preise in Portugal liegen leicht unter den deutschen.

Schaut man sich aber zusätzlich die Entwicklung der Preise und insbesondere die Preisschwankungen über die Jahre an, sind die Preise in Deutschland im unteren Bereich in Europa (d.h. in der Gruppe mit den wenigsten Schwankungen). Das wiederum bedeutet, dass die relativ hohen Preise in Deutschland, die Eurostat ausweist, keinen außergewöhnlichen Preisanstieg als Ursache haben, sondern eher ein Ergebnis eines Basiseffekts sind.

Dazu kommt, dass die offiziellen Statistiken nicht zeigen, wie sich Strompreise grundsätzlich zusammensetzen und welche Besonderheiten und Vorteile für die energie-intensiven Industrien gelten. Bei der Preisentwicklung für Deutschland zwischen 2007 und 2016 beispielsweise öffnet sich die Schere immer weiter zwischen Preisen ohne Mehrwertsteuer und rückerstattbaren Auflagen einerseits und Preisen ohne jegliche Steuer. Daher lohnt sich der Blick auf die tatsächliche Zusammensetzung der Strompreise für Großkunden, unter die energie-intensive Industrien wie beispielsweise die Chemie- oder Stahlbranche fallen. Dabei unterscheiden sich die tagesaktuellen Spot-Preise immer weniger von den längerfristigen Preisen für Spitzen- und Grundlast.
Wenn man sich den Jahresdurchschnitt für die Grundlastpreise anschaut, sind die Preise in Deutschland deutlich gefallen von €56,07/MWh im Jahr 2011 auf €26,58/MWh in 2016. Drei Faktoren haben hierzu im Besonderen beigetragen:
1. Ein deutlicher Preisabfall der Steinkohle,
2. Ein zu niedriger Kohlepreis im EU Emissionshandelssystem (ETS)
3. Und preissenkende Kosten durch mehr Erneuerbare Energien (insbesondere im Spot-Markt).
Die aktuellen Handelsentwicklungen lassen bis 2023 einen Strompreis zwischen 29 und 31 Euro/MWh erwarten.

Und damit kann Deutschland sich im europäischen Vergleich durchaus blicken lassen: denn trotz der voranschreitenden Integration des europäischen Strombinnenmarktes, zeigen sich noch deutliche Preisunterschiede. Deutschland liegt mit seiner Fokussierung auf die Erneuerbaren Energien, die langsam aber stetig Kohle- und Atomstrom aus dem Markt drängen, im Vorteil. Selbst im kohlelastigen Polen liegen die Spot-Markt-Preise mittlerweile deutlich über denen in Deutschland, wie übrigens auch im gas- und öldominierten Spanien und Portugal oder selbst in den ähnlich integrierten Märkten in den Niederländen (Gas) und Frankreich (Atom), die aber durch schwächere Infrastrukturen im Nachteil sind. In Skandinavien hingegen herrschen durch das überwiegend hydroelektrische System niedrigere Preise.

Die Preisentwicklungen in den europäischen Nachbarländern zeigt, dass der Stromerwerb in Deutschland deutlich günstiger ist als in allen anderen Großhandelsmärkten der EU, mit Ausnahme des skandinavischen.

Für die USA lässt sich ein anderes Bild zeichnen. Üblicherweise werden hier die Durchschnittspreise der Spitzenlast verglichen. Bis 2012 lagen diese in den USA deutlich unter den deutschen, allerdings wendet sich das Blatt seitdem und die Preise sind in vier von sieben verglichenen US-Regionalmärkten schon gleich oder deutlich über den Preisen in Deutschland.

Zurück auf dieser Seite des Atlantiks lohnt sich zudem der Blick auf die überaus attraktiven Kompensationen, die energie-intensive Betriebe geltend machen können. Das EU-Beihilferecht sieht für sie Ausgleichszahlungen für sektorspezifische Kohlenstoffemissionen und die damit verbundenen Kostenaufschläge vor. Zudem zahlen diese Betriebe weniger für den Zugang zum Netz und können, das erlaubt das Gesetz, bis zu 90% der regulären Kosten einsparen. Die dabei anfallende Gebühr ist so gering, dass sie den Nutzen der Ausnahme um ein Vielfaches wieder ausgleicht.

Das europäische Emissionshandelssystem (ETS) sieht zudem vor, dass die Industrie in Europa eine große Anzahl von Handelszertifikaten umsonst bekommt. Auch in der dritten Handelsperiode gibt es immer noch einen Überschuss an diesen Zertifikaten, so dass der CO2-Preis sehr niedrig ist. Ergo fehlt auch der Anreiz, an den Emissionen irgendetwas zu verändern oder gar zu verringern.
Es bleibt abzuwarten, wie sich die Neugestaltung des ETS auf die tatsächlichen Emissionen und Strompreise auswirken wird. Deutschland ist für diesen Fall aber gut gerüstet, da sein Stromsystem bereits modernisiert und auf weniger Emissionen eingestellt ist.

Zu guter Letzt ist festzustellen, dass die Einführung des „Erneuerbare-Erst“-Ansatzes, der den noch jungen erneuerbaren Energien Vorrang im Netz gewährt hat, dafür gesorgt hat, dass sowohl die Erneuerbaren insgesamt als auch der Großhandelspreis seit 2012 bis zu €10/MWh günstiger geworden ist. Davon haben allerdings am meisten die energie-intensiven Industrien profitiert, wegen der oben beschriebenen Ausnahmen.

Unterm Strich zeigt sich also, dass die Strompreise in Deutschland absolut wettbewerbsfähig sind und mit den europäischen Nachbarn mithalten können. Teilweise liegen sie mittlerweile sogar unter den amerikanischen Handelspreisen. Ein Abwandern der (deutschen oder europäischen) Industrieproduktion inklusive der Emissionen – das sogenannte ‚carbon leakage‘, also Ausstoßen von Emissionen anderswo auf der Welt – wäre aus vielen Gründen verkehrt. Emissionen müssen überall eingespart und nicht einfach umgelagert werden, das haben wir mit dem Pariser Klimaabkommen versprochen. Dafür ist ein vermehrter Einsatz von Erneuerbaren Energien unumgänglich und sogar vorteilhaft, wie die Kurzstudie von Felix Matthes gezeigt hat. Für Politik und auch die energie-intensive Industrie sollte dies ein Anreiz sein, mehr in Erneuerbare zu investieren und die – übrigens nicht erst seit gestern – überholten Sektor-Ausnahmen abzuschaffen.

Ich kann deswegen die Studie nur empfehlen. Vielleicht helfen die darin gezeigten Einsichten ja noch bei der einen oder anderen Podiumsdiskussion im Wahlkampf.

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Sonst noch
  • Am 18.09 bin ich auf der EMO-Messe, der Weltleitmesse für Metallbearbeitung in Hannover. Thema dort: Digitale Vernetzung.
  • Auch in der letzten Woche vor der Bundestagswahl bin ich wieder im Wahlkampf unterwegs, in Aachen und in Mannheim.
  • Kommissionspräsident Juncker soll in dieser Woche nun endlich die neue Strategie zur Industriepolitik vorstellen (Verlinkung in der nächsten Bütis Woche). Das haben wir im Europäischen Parlament schon lange gefordert, zuletzt im Juli 2017.
  • Und nicht vergessen: am 24. September ist Bundestagswahl – wählen gehen!