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Bueti’s Woche – Meine Eindrücke zwischen Cebit und Hannover Messe

Wenn einer eine Messe besucht, kann er was erzählen. Die Cebit liegt zwei Wochen hinter uns, die Hannover Messe zwei Wochen vor uns. Beide Ereignisse sind jedes Jahr industriepolitische Höhepunkte. Sie gehören für alle diejenigen, die mit diesem Themenbereich befasst sind, zur Routine.

Doch dieses Jahr war die Cebit alles andere als Routine, und auch die Hannover Messe verspricht viel Spannung. Wir befinden uns nämlich in einer gerade erst begonnenen, aber sich schnell beschleunigenden Debatte über die sich wandelnde Zukunft unserer Industrie. Das Stichwort heißt Industrie 4.0. Es hat sich inzwischen auch international etabliert und ist tatsächlich in China sogar noch geläufiger als in Deutschland. Mit Industrie 4.0 wird die durchgreifende Digitalisierung und Vernetzung industrieller Produktion bezeichnet, bei der auf einer Seite mehr und mehr Maschine-zu-Maschine Kommunikation stattfindet, und auf der anderen Seite eine flexible Individualisierung der Produktion in nie bekanntem Ausmaß möglich wird. Produktion und Dienstleistung verschmelzen und die Beziehungen zwischen Kunden und Produzenten verändern sich grundlegend.

Ich habe bei der Cebit viele sehr spannende Entwicklungen sehen können, aber auch gehört, dass es im Mittelstand, der zweifelsohne von dieser rasanten Veränderung besonders erfasst werden wird, noch eine große Zurückhaltung gibt, sich dem Thema zu stellen. Und deutlich wurde auch: viele sehr grundsätzliche Fragen sind nicht nur unbeantwortet, sondern vielfach noch gar nicht ausreichend diskutiert. Was wäre eine Arbeitswelt 4.0, die der Industrie 4.0 entspricht? Wie wären Schutz von Arbeitnehmer*Innen und Arbeitnehmer*Innendaten geregelt?  Wie sieht es mit dem Thema Datenschutz insgesamt aus, wenn das Prinzip der Datensparsamkeit durch eine Welle von Big-Data-Entwicklungen weggespült wird? Wie wird Datensicherheit nicht nur für Bürgerinnen und Bürger, sondern gerade auch für Unternehmen gewährleistet, die von ihren Innovationsvorsprüngen wirtschaftlich leben? Wie kann man den Energiehunger der IT-Anlagen mit immer größerer Rechen- und Speicherleistung einschränken und unter dem Etikett Green IT sogar dafür sorgen, dass Industrie 4.0 gerade mit Blick auf Energie- und Ressourceneffizienz vorangetrieben wird? Wie gelingt es in Europa, einen funktionierenden IT Binnenmarkt zu schaffen angesichts der außerordentlich divergierenden industriepolitischen Interessen der Mitgliedländer?

Industrie 4.0 – ein anderer Ausdruck dafür ist: „das Internet der Dinge“ – wird auch zu einem zentralen Schauplatz der Auseinandersetzung um Innovationsführerschaft und Wettbewerbsfähigkeit. Die USA sind führend bei der Entwicklung von Standards im IT Bereich. Werden Sie darauf gestützt die Entwicklung zu Industrie 4.0 dominieren und europäische Firmen dort auf die hinteren Plätze verweisen? China will Industrie 4.0 nutzen, um einen großen Sprung nach vorne zu einer weltweit führenden Wirtschaftsnation mit modernster Fertigungstechnik zu machen. Wie weit lohnt sich für deutsche Unternehmen da Kooperation und wo müssten sie fürchten, den eigenen Ast abzusägen, auf dem sie noch sitzen?

Man kann diese Fragen unterschiedlich beantworten. Wenn man sie aber ignoriert, verliert man garantiert. Ich finde, es ist eine industriepolitisch außerordentlich spannende Zeit und eines ist bei den Diskussionen auf der Cebit auch deutlich geworden: Eine rein deutsche Antwort auf dieses Fragen wird es nicht geben können. Entweder wir finden gemeinsam eine europäische Antwort oder wir alle werden ökonomisch irgendwie Anhängsel von sonstwem. Bisher war in Berlin die Begeisterung für europäische Industriepolitik sehr unterkühlt. Industrie 4.0 könnte ein Anlass sein, darüber noch einmal neu nachzudenken.

 

Auszüge meines Besuchsprogramm: Gemeinschaftsstände Sachsen, Forschung für die Zukunft (Sachsen, Sachsen-Anhalt, Thüringen) und Berlin/Brandenburg („Telekommunikation Made in Berlin-Brandenburg“), CeBIT Global Conferences Eröffnung, diverse Stände zum Themenfokus Industrie 4.0/Internet of Things/Industrial Clouds/Big Data (bspw. Uniscon GmbH, DMAG, u.a.), zu Softwarelösungen (u.a. Software AG, SAP), offizieller Pavillon der Volksrepublik China, Teilnahme an der Konferenz des Mercator Institute for China Studies (MERICS) “Industrie 4.0: Cooperation or Competition between China and Germany?”, Besuch des Gemeinschaftsstands CODE_n (Europäische Start-Up´s)

Fotos? Gibt es hier.