Rohstoffderivate: Warum nicht von den USA lernen?

Warum nicht von den USA lernen?
Ein Meinungsbeitrag von Reinhard Bütikofer und Martin Kneer, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsvereinigung Metalle (WVM) welcher am 24. September 2012 bei Euractiv veröffentlicht wurde. (http://www.euractiv.de/ressourcen-und-umwelt/artikel/rohstoffderivate-warum-nicht-von-den-usa-lernen-006749?newsletter)

Rohstoffmärkte sind volatil. Das ist schlicht ihre Natur. Aber die Preisschwankungen an Rohstoffmärkten haben extrem zugenommen. Das belastet die Industrie, und darum muss die Politik sich ernsthafte Gedanken machen, wie sie rohstoffabhängigen Unternehmen zur Seite stehen kann. Unser Vorschlag heißt: bona fide Hedging gewährleisten, aber exzessive Spekulation zurückdrängen.

Rohstoffpreise sind in den letzten Jahren mehrfach durch die Decke geschossen, nur um kurz danach wieder dramatisch zu fallen. Der Preis-Instabilitäts-Index der Konferenz der Vereinten Nationen für Handel und Entwicklung (UNCTAD) veranschaulicht dies. Gegenüber den 90er Jahren hat sich die Volatilität bei entscheidenden Rohstoffen wie Zink und Eisenerz im letzten Jahrzehnt mehr als verdreifacht. Für Kupfer und Nickel gab es immerhin etwa eine Verdopplung.

Normalerweise kann sich die Realwirtschaft gegen Rohstoffachterbahnfahrten durch Derivategeschäfte absichern. Jeder kluge Kaufmann tut das. Aber die Rohstoffmärkte verändern sich grundlegend durch die zunehmende Verflechtung mit den Finanzmärkten – und das hat die unerwünschte Nebenwirkung immer weiter ausufernder Preisvolatilitäten. Die Realwirtschaft wird zum Spielball dieser Entwicklung.

Neben Rohstoffhändlern sind heute auch Hedge-Fonds, Indexfonds und Banken im Rohstoffhandel engagiert. Banken fangen an, sich eigene Rohstofflager aufzubauen, und Finanzinstitute legen neue Indexfonds an, welche mit physischen Metallen gedeckt sind. JPMorgan plant einen Indexfond zu Kupfer, der ungefähr 27 Prozent der Kupfer-Lagerstätten der Londoner Metallbörse entsprechen würde. BlackRock iShares plant einen ähnlichen Indexfond, der vom Volumen doppelt so groß wäre. Die

Spekulation auf Rohstoffe hat exzessive Dimensionen angenommen und trägt wesentlich dazu bei, dass Rohstoffpreise außer Rand und Band geraten.

Die Realwirtschaft und insbesondere die Metallindustrie sind daran interessiert, dass exzessive Spekulation an den Rohstoffmärkten eingedämmt wird. Die Reform der europäischen Richtlinie über Märkte für Finanzinstrumente (MiFID) bietet hierfür die Gelegenheit. Allerdings nur dann, wenn die Regulierung das richtige Maß findet. Die EU-Kommission sollte bei der Finanzmarktrichtlinie nicht mit der Schrotflinte auf alle Akteure gleichermaßen losgehen. Es muss sichergestellt werden, dass die Realwirtschaft nicht getroffen wird. Vor allem die Rohstoffverarbeitende Industrie braucht weiterhin ihre Preissicherungsmechanismen gegen die im Laufe des Produktionsprozesses auftretenden Preisschwankungen. Für viele Unternehmen sind solche Absicherungen wichtige Antispekulationsinstrumente.

Erfreulicherweise macht der gegenwärtige Vorschlag der EU-Kommission zu MiFID einen klaren Unterschied zwischen Finanzunternehmen und Industrieunternehmen. Um allerdings die Interessen der Industrieunternehmen besser schützen zu können, sollte die EU-Kommission sich zudem an existierender US-amerikanischer Gesetzgebung ein Vorbild nehmen.

Anstatt nur zwischen Finanz- und Nicht-Finanzunternehmen zu unterscheiden, sollte die EU-Kommission auch eine weitere Unterscheidung treffen, so wie das in den USA bereits der Fall ist. Eine klare Definition von „bona fide hedging“, zu deutsch vielleicht: Hedging in gutem Glauben, sollte ebenso eingeführt werden wie eine Definition „exzessiver Spekulation“. Dies würde Klarheit und Transparenz im Finanzdschungel schaffen. Denn die notwendigen Absicherungsinstrumente der Realwirtschaft würden von sonstigen Derivategeschäften unterschieden.

Sobald ein gewisser Schwellenwert an „exzessiver Spekulation“ überstiegen würde, könnten die Europäische Wertpapier- und Marktaufsichtsbehörde (ESMA) sowie Marktaufsichtsbehörden der  EU-Mitgliedsländer dagegen vorgehen. Praktisch sollte die ESMA eine eigene Abteilung für den Rohstoffhandel schaffen, um Marktverzerrungen überwachen zu können.

Der Industrieausschuss des Europäischen Parlaments hat sich letzteren Vorschlag bereits ebenso zu eigen gemacht wie die Definition von „bona fide hedging“. In den Verhandlungen zwischen Europäischen Rat, Kommission und Parlament sind diese Vorschläge aber deswegen noch lange nicht in trockenen Tüchern. Die deutsche Bundesregierung sollte sich im Rat für diese einsetzen. Es wäre ein entscheidender Schritt, um die Preisschwankungen bei Rohstoffen zu dämpfen, während andererseits

gewährleistet wird, dass die Wirtschaft weiterhin über die Instrumente verfügt, sich gegen Preis-Schwankungen flexibel absichern zu können.