Kohls Kanonade

Helmut Kohl hat ein sensationelles Interview gegeben. Einen auch nur entfernt vergleichbaren Zerriss der deutschen Außenpolitik der letzten Jahre kenne ich nicht. Kohls Urteil ist vernichtend: „Kein Standpunkt, keine Idee, keine Verankerung, kein Kompass, kein Führungs- und Gestaltungswille“.

Ich unterschreibe jeden Satz dieses Interviews.

Wahrscheinlich wird sich die öffentliche Diskussion sehr darauf konzentrieren, wie brutal Kohl in diesem Interview mit seinem ehemaligen „Mädchen“, Angela Merkel, abrechnet. Nur ein Wort hat er etwa übrig für die Frage, ob die Aufgabe der Wehrpflicht ein Fehler sei: „Ja.“ Eventuelle Ausflüchte der Kanzlerin oder der Bundesregierung insgesamt, die außenpolitische Lage sei eben extrem schwierig, wischt Kohl vom Tisch. Schwierig war es immer. Nicht die Schwierigkeiten charakterisieren die Lage, sondern völlige Desorientierung der politischen Führung, Kleinmut, zuviel Nationalismus, strategische Unfähigkeit.

Doch es wäre zu kurz gegriffen, läse man dieses Interview nur als Eruption einer grandiosen Enttäuschung über Angela Merkel. Kohl rechnet mit der deutschen Außenpolitik insgesamt ab. Er geißelt etwa die Fehlentscheidung aus rot-grüner Zeit 2003 den Stabilitäts- und Wachstumspakt verletzt und damit entwertet zu haben. Und Kohl wendet sich ausdrücklich gegen eine Stimmung im Lande, die Chancen außenpolitischer Gestaltung nicht erkennt, weil sie historische Verankerung ebenso vermissen lässt, wie Mut zur Gestaltung. Richtig beschreibt Kohl etwa wie haltlos das transatlantische Verhältnis Deutschlands zu den USA dümpelt. Man muss Kohls Interview als Chance zu einer breiten Diskussion über den Horizont und die Perspektiven deutscher Außenpolitik verstehen. Häme über Merkel, geschenkt. Wer macht es besser und wie?

Ich weiß, daß es kokett klingt, zu sagen, der Helmut Kohl dieses Interviews habe mehr gemeinsam mit der Außenpolitik der Grünen als mit der seiner eigenen Partei. Wahrscheinlich würde er das, auch wenn es stimmt, selbst nie einräumen. Aber um solche Schönheitspreise geht es nicht. Kohls Kanonade ist ein wertvoller Weckruf.

Möge die Debatte beginnen!

Das Interview von Helmut Kohl erschien in der Internationale Politik, Ausgabe September/Oktober 2011.


Foto: “around the world” von rachfog auf www.flickr.com, Lizensiert unter Creative Commons Namensnennung 2.0 US-Amerikanisch